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Wenn ihr diese Zeilen hier lest ...
befindet ihr euch wahrscheinlich irgendwo zwischen Weihnachtsbraten und
Silvestervorbereitungen. Draußen ist wegen der warmen
Temperaturen eigentlich alles wie geschaffen für einen
Ansitz. Die Regenfälle und die Schneeschmelze verleihen den
Flüssen ihre braune Färbung und lassen deren Pegel über die
Ufer treten. Heute ist der zweite Weihnachtsfeiertag. |
| Erschöpft, aber absolut
sicher darüber, dass das letzte Stück Fleisch nicht mehr
hätte sein müssen, liege ich auf dem Sofa und male mir aus
wo ich jetzt gerade wäre, wenn der Kalender es mir nicht
verbieten würde. Ich drifte gedanklich immer weiter ab und
plötzlich bin ich komplett nass. Logisch, denn ich sitze ja
auch im knietiefen Wasser und lasse meine Blicke über einen
der ganz großen Bäche Frankreichs schweifen. Der Geruch von
Faulschlamm steigt mir in die Nase. Doch ich rieche ihn
nicht nur, ich stecke mit meinen Füßen bis über die Knöchel
drin. Und je mehr ich mit meiner großen Zehe darin wühle,
desto mehr Blasen steigen auf und der Geruch wird
intensiver. Ich blicke an mir hinunter und bemerke, dass
mein T-Shirt aussieht, als hätte eine Horde Schnecken darauf
Fußball gespielt.
Ich spüre ein Brennen an
meinen Händen ...
Sie sehen mitgenommen aus. Ich drehe meinen Kopf und
blicke hinter mich. Einige Meter hinter mir sitzt Carsten.
Er sieht ähnlich fertig aus. Fertig aber irgendwie auch
zufrieden. Vor ihm stehen zwei Ruten im Rutenhalter, aber
sie sind nicht ausgelegt. Bei einer der beiden Ruten ist der
Rollenbügel offen, die Schnur locker und das Haken-System
ist am ersten Rollenbügel eingehängt und total verschleimt.
Bei der anderen Rute ist der Griff voller Schleim, die
Schnur ebenfalls locker und das System liegt samt Köderfisch
neben der Rute. Es ist eine Barbe. Sie ist tot und sieht
aus, als hätte sie kürzlich die Bekanntschaft mit zwei
großen Kauleisten gemacht. |
Plötzlich trifft es mich wie ein Blitz ...
ich weiß wo wir sind! Wir schreiben den 31.10.2011 und wir befinden uns
auf unserem Halloweentrip in Südfrankreich.
Carsten und ich hatten uns spontan entschieden dieses
verlängerte Wochenende zu nutzen, um in Richtung unseres
Lieblingsgewässers im Süden Frankreichs aufzubrechen. Mit
vollbepackter Karre, munteren „Startköderfischen“ und ‘ner
dicken Portion Vorfreude im Gepäck erreichten wir unser
Ziel. Das Auslegen der Montagen lief gewohnt gut und die
Friedfische waren richtig in Beißlaune, sodass wir schon am
ersten Abend einen guten Vorrat für die Folgetage im
Setzkescher hatten.
Mit entsprechend guter Laune, verabschiedeten wir die
Sonne am Horizont. Am frühen Sonntagmorgen war diese gute
Laune verschwunden. Enttäuschung, Ratlosigkeit, ja fast
Verzweiflung lagen nun in der Luft. Wir hatten noch keinen
Fisch gefangen. Bisse jedoch hatten wir. Wir hatten die
Flossenträger sogar drauf, aber fangen konnten wir sie
nicht. Und das zermürbte.
Zumal alle diese Fische auf die gleiche Rute kamen und
teilweise direkt nach dem Biss Schnur von der geschlossenen
Rolle zerrten. |
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Drei Fische hatten wir in dieser Nacht so schon verloren ...
und wie gesagt, es waren wahrscheinlich keine schlechten. Schlimm
genug, aber das Schlimmste daran war, dass wir uns nicht
erklären konnten warum. Die Haken waren messerscharf,
richtig platziert und der Köderfisch, eine große Barbe, sah
von Biss zu Biss schlimmer aus. Die Waller hatten die Haken
also voll eingesaugt, blieben aber trotzdem nicht hängen.
Wir gingen sogar so weit, dass wir den letzten Fisch erst
anschlugen, als die Reißleine gesprengt war, aber auch dies
half nichts - er stieg aus.
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Irgendwann gegen 7 Uhr in der Früh ...
wiederholte sich das Schauspiel dann zum vierten Mal. Ein ganz dezentes
Anklingeln und dann eine Zeitlupenverneigung der New Age.
Ich warte bis zum wirklich allerletzten Moment, reiße die
Rute aus dem Halter und knalle den Anhieb voll durch. HÄNGT!
Aufgrund der extremen Gewässerstruktur müssen wir den
Fisch vom Boot drillen, damit sich die Schnur nicht an der
steilen Kante abscheuern kann, wenn der Silure in der Tiefe
tobt. Die Kampfkraft meines Gegenübers lässt auf einen guten
Fisch schließen. Etwas verwirrt zieht Carsten kurz darauf
einen zwar fetten, aber „nur“ 1.64m großen Waller ins Boot.
Doch irgendwie ist dieser Moment seltsam. Wir wissen nicht,
ob wir uns nun in die Arme fallen sollen, weil wir gerade
den ersten Tourfisch gefangen haben, oder ob wir enttäuscht
sein sollen, da die verlorenen Welse wohl etwas größer waren
und wir uns aufgrund des genialen Drills auch eigentlich
etwas mehr versprachen … wie gesagt, eine seltsame
Situation.
Um im Morgengrauen eventuell
noch einen Silure haken zu können ...
beeilen wir uns nun. Carsten kümmert sich um den Fisch.
Ich schnappte mir in der Zeit einen neuen Köder, hake ihn an
und binde die nächste Reißleine. Sekunden später sitze ich
im Schlauchi und fahre in Richtung der Boje. Carsten steht
mit der Rute am Ufer und gibt mir Schnur. Ich fahre wie
immer recht langsam und schaue regelmäßig zum Ufer zurück,
um zu sehen ob alles glatt geht.
Plötzlich strämmt sich die Schnur in meinen Händen, ich
blicke zum Ufer und sehe meinen Freund mit krummer Rute
kräftig pumpen. FISCH! Und Fisch bedeutet er braucht das
Boot. Sofort drehe ich um und gebe Vollgas in Richtung Ufer.
Carsten steht schon bis zum Bauchnabel im Schlamm. Ich
erkenne dass es meine Rute ist. „Drill ihn, ich hab ja grade
meinen Fisch gefangen!“, rufe ich ihm entgegen, helfe ihm
beim Einsteigen und manövriere das Boot wieder aus dem
Flachwasser.
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Jetzt sind wir über dem Kämpfer ...
und so langsam wird klar, dass dies kein Fisch der 1,60m-Klasse sein
kann. Ruhig zieht der Barbencrusher in der Tiefe seine Bahn.
Das Echolot zeigt über 10 Meter. Die Sekunden vergehen wie
Stunden, bis plötzlich einige Blasen aufsteigen. Im
smaragdgrünen Wasser entsteht ein schwarzer Schatten. Der
Schatten wird zur Silhouette, dann durchbricht ein extrem
massiver Wels die Oberfläche, dreht, schlägt mit dem Schwanz
aufs Wasser und macht uns beide komplett nass. Wir jubeln
vor Freude und ich kann die Emotionen in diesem Moment nicht
in Worte fassen. Als ich den Gigant wenig später greife und
wir ihn gemeinsam ins Schlauchboot wuchten, gibt’s kein
Halten mehr. Unbeschreiblich, einfach unbeschreiblich.
Glück, Freude, ja richtige Siegesgefühle werden frei. |
Zurück am Festland legen wir
unserem Fang das Maßband an ...
212 cm gebündelte Kraft liegen vor uns. Wahnsinn!!! Um
dem verausgabten Fisch Zeit zur Erholung zu geben, leinen
wir ihn vorerst an und nutzen die Zeit für einen erneuten
Versuch meine Montage in Position zu bringen. Aber auch
diesmal gelingt es uns nicht !!!
Ich passiere gerade die erste Uferkante auf meinem Weg
zum Spot, als ich sehe wie Carsten am Ufer erneut einen
Anhieb setzt. Die Vorgänge wiederholen sich. Diesmal ist es
Carstens Rute die fiel, doch nun drückt er mir seine Rute in
die Hand, übernimmt den Platz am Motor und lenkt uns in die
Flussmitte, bis wir direkt über dem Ungetüm sind. Ich knie
in ganz vorne im Boot, die Rutenspitze taucht weit unter die
Wasseroberfläche, das Boot dreht bei und stellt sich gegen
die Strömung … die Rolle knirscht und wir begreifen
allmählich, dass hier wieder ein Ochse am Band ist.
Ruhig aber mit einer unglaublichen Power und
Entschlossenheit gibt mir der Silure Kontra. Ich halte mit
allem was ich habe dagegen. Wieder vergehen die Minuten wie
in Zeitlupe. Als sich am Horizont die blutrote Morgensonne,
alles um uns herum in ihre rote Farbe taucht und in diesem
Moment der Wels erneut einige Meter Leine von der Trommel
zerrt, wissen wir, warum wir uns diese ganze Scheiße
eigentlich antun.
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Nach und nach bemerke ich, dass
ich den Willen meines Gegners gebrochen habe ...
Wieder steigen Blasen auf und mein Blei kommt zum Vorschein, direkt
gefolgt von einem mächtigen Waller, der wie erstarrt in
voller Länge an der Oberfläche einen Meter neben dem Boot
liegt und aus dessen Maul nur noch der Schwanz unsres
Köderfisches hervorragt. Wieder bricht Jubel aus. Wir können
es nicht glauben. Carsten löst die Sache routiniert und mit
vereinten Kräften ziehen wir den Koloss über den Schlauch.
Augenblicke später liegen die beiden dicken Welse
nebeneinander vor uns im Wasser. Das Vermessen ergibt
2,28m!!! Und da es Carstens Rute war, natürlich auch einen
neuen personal Best für ihn. Erleichtert, überglücklich, mit
dem Gefühl, endlich belohnt worden zu sein, für die Mühen
aus den vorherigen Tagen, fallen wir uns in die Arme …
einfach nur geil!!!
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Nachdem wir unsere beiden
Freunde ...
auf den SD-Karten unserer Cams gespeichert haben, sitzen wir wieder im
Wasser und wieder blicken wir in die Ferne. Genießen die
Eindrücke, verdauen das Erlebte und plötzlich verschwindet
das Gefühl der Nässe, auch der Geruch des Faulschlamms ist
verschwunden. Ich öffne meine Augen und bemerke, dass ich
eingeschlafen bin.
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Einige Meter neben mir steht der
geschmückte Tannenbaum ...
und kotzt mich bei dem Gedanken, dass ich wohl nur
geträumt habe, so richtig an. Auf dem Couchtisch brummt mein
Handy „Eine neue Nachricht“, sie ist von Andy: „Morgen
Spinnfischen? Könnt dich um 5 abholen". Ich grinse, gehe in
den Keller und packe mein Spinnzeug. Es kann weitergehen …
„Wer träumt versäumt, wer fischt
fängt - Never dreaming, just fishing“
In diesem Sinne ...
Wünsche euch nen guten Rutsch
ins neue und hoffentlich fischreiche, neue Jahr !
Euer
Hannes |
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