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Ich sitze in meinem Schlauchboot ...
meine Hände zittern. Ich sehe meinen Atem im Schein der
Kopflampe und hänge die Reißleine in den Easy-Clip meiner
Boje, während mich die braunen Wassermassen mit meinem
Schlauchboot voll in die Hecken pressen, vor denen ich
meinen Köder präsentieren möchte. |
Es ist Mitte Dezember und
ich bin gerade dabei meine Rute wieder scharf zu machen,
nachdem ein Silure meinen Köfi unter die Hecke gezerrt hatte
und sich nach kurzem, aber hartem Drill am Stringer erholt.
Langsam spüre ich es wieder, dieses seltsame Gefühl, das
mich in solchen Situationen immer wieder heimsucht. Es ist
eine Mischung aus Respekt vor dem was einen gerade umgibt
und die Freude an dem Reiz, der mich immer wieder raus ans
Wasser treibt, um genau das zu tun, was ich hier gerade tue.
Und genau dieses Gefühl ist mir in den
letzten Wochen fast gänzlich abhanden gekommen ...
Schwierige Phasen in anderen Lebensbereichen hielten mich
zwar nicht vom Angeln ab, beeinflussten mich aber doch so
stark, dass die Abläufe am Wasser oft einfach völlig an mir
vorbeigingen. Sie waren zwar wie immer die Selben, jedoch
war ich mit dem Kopf stets woanders. Hinzukam, dass in
diesen Wochen mein Bach ein müdes, lahmes, ja fast totes
Gesicht zeigte. Sehr niedrige Pegel, Krautbänke wie im
Sommer und total überhöhte Temperaturen machten es extrem
schwer. Schneidertage und –nächte waren keine Seltenheit.
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Ich sehe meinen Köderfisch, wie
er dem Blei in die Tiefe des kaffeebraunen Wassers folgt ...
“Petri Heil“, murmele ich, starte den E-Motor und kämpfe mich zurück
ans Ufer. Als ich dort ankomme, hat Sven die Rute bereits
mit Glöckchen versehen und das Ganze richtig schön
durchgespannt. Ich sichere das Boot, gehe wortlos zur Liege,
greife zwei Pils, öffne sie und drücke Sven eins davon in
die Hand. Gerade will ich ihm sagen, dass ich noch gar nicht
raffe was hier gerade passiert ist und dass es ja nicht sein
kann, dass da jetzt drei Fische am Seil hängen, da fällt er
mir ins Wort:
“Wenn wir beide fischen gehen, das is doch immer komisch
oder Hannes?“ Ich gucke ihn an und sehe wie er grinst. Ich
muss auch grinsen und schüttele den Kopf: “Das gibt‘s net
und das nach so einem Jahr!“
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Um das zu verstehen muss man
wissen ...
dass das gerade nicht der erste,
sondern der dritte Fisch in dieser Nacht war. Und alle drei
waren gut. So gut, dass einer dieser Fische sogar meinen
2011er PB für meine Heimat bedeutete. Was allerdings auch
nicht unbedingt schwer war, denn ich habe, genau wie Sven
ein absolutes Seuchenjahr hinter mir, wenn’s um den Alltag
am heimischen Wasser geht. Viele Nächte, viele Stunden,
stehen in keinem Verhältnis zu dem, was unterm Strich raus
kam. Klar, ich konnte regelmäßig meine Fische fangen, jedoch
waren das meist halbstarke bis kleine Genossen und wenige
gute Fische.
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Dies war teilweise sehr
frustrierend ...
denn irgendwann begann man sich komplett zu hinterfragen, stellte alles
auf den Kopf und kam am Ende wieder genau dort raus wo man
begonnen hatte. Und dieses Hochwasser fiel wie ein Schnitt
genau in diese Phase. Ohne Mühe hatte sich der Pegel auf
einen Meter über normal eingependelt, alles war überflutet,
altbekannte Stellen verschwanden komplett, neue
Möglichkeiten taten sich auf. Im Kehrwasser vor uns zeigten
sich ständig Futterfische und die Welse daran ihren Hunger.
Dazwischen warteten unsere ausgelegten Köder mehr oder
weniger sehnsüchtig auf einen Abnehmer.
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Nachdem es den ganzen Tag
relativ warm war ...
passten sich die Temperaturen nun langsam dem aktuellen Datum an und
fielen in den Keller. Da konnte nur der Schlafsack Abhilfe
leisten. Ich schließe meine Augen und öffne sie erst am
nächsten Morgen wieder. Ruhig war es geblieben während wir
schliefen und so beschäftigten wir uns bereits beim
morgendlichen Kaffee damit was funktioniert hatte und was
eben nicht, um unsere Taktik anzupassen und die Fallen in
der kommenden Nacht noch optimaler zu stellen.
Der Tag plätscherte so dahin, wir schossen Fotos,
veränderten einige Ausleger, eine Boje kam weg, dafür ein
Ausleger dazu und irgendwann war dann auch schon die
Dämmerung im Anmarsch. Und diese brachte noch mehr Wasser
mit sich.
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Im Laufe der Nacht verlagerten
sich die befischten Strömungskanten ...
U-Posen rutschten trotz großer Steine und befischte Strömungstaschen
verschwanden. Eine Montage nach der anderen verabschiedete
sich, doch als die Rute am Holz knallte war klar, dass daran
nicht das Wasser Schuld war. Das schlammige und steile Ufer
wurde zusammen mit meinen Neoprensocken und den kräftigen
Fluchten des Fisches zu meinem Verhängnis, sodass ich zwei
Mal schön auf die Fresse flog.
Den Kontakt zum Fisch verlor ich jedoch nie und so konnte
Sven Augenblicke später den nächsten Fisch greifen. Wahnsinn! Wir freuten uns wie die kleinen Kinder. Was
auffällig war, war die Tatsache, dass alle Fische die wir
fingen die Köder komplett inhaliert hatten und an den Ruten
einschlugen als gäb‘ s kein Morgen mehr. Scheinbar hatten
sie auf so etwas gewartet.
Sonntagnachmittag ...
Sven und ich sitzen am Ufer neben unseren vollbeladenen
Autos und lassen die Eindrücke noch einmal auf uns wirken.
„Irgendwie wird mir so langsam klar was seit Freitag alles
passiert ist, echt krass“, sage ich zu Sven, „nun hat sich
all die Arbeit ausgezahlt die ich übers Jahr hatte und für
die ich nicht belohnt worden bin.“ Dann schweige ich und mir
wird plötzlich auch bewusst, dass sich parallel dazu
mittlerweile alles andere was mich in letzter Zeit
beschäftigte, zum positiven gedreht hat.
Deshalb sehe ich dieses
Hochwasser und die damit verbundenen Erlebnisse nicht nur
als irgendeine Wetterkapriole, sondern, auch wenn‘s sich
total bescheuert anhört, für mich persönlich als einen
Aufbruch in neue, wieder bessere Zeiten.
Zeiten, zurück in die Spur eben
...
Euer
Johannes Martin |
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